Dhaka 2015 …

…und Gott vergisst diese Welt nicht!

Weihnachten 2014 . Die Szenerie im Dom zu Rottenburg am Neckar ist mir wohlbekannt. Der Bischof hält einen Jugendgottesdienst und unterstreicht mit der Darstellung, dass das Gotteskind bei den Ärmsten der Armen geboren wurde, dass Gott diese Welt nicht vergessen wird.

Ehrlich – in mir kommen Zweifel auf!

Hier im sicheren, warmen, geborgenen und bequemen Umfeld mag ich gerne daran glauben, dass früher oder später für alle gesorgt sein wird doch leider weiss ich nur zu genau, wo mich mein Weg in ein paar wenigen Tagen hinfuehren wird.

01.01.2015 – Landung in Dhaka – absolutes Chaos bei der Gepaeckausgabe und stetig wird mein Zweifel stärker, warum ich wirklich schon zum 7ten Mal mich hierher auf den Weg machte. Auf dem Rollfeld zählte ich sicherlich nicht mehr als 5 Maschinen doch Heerscharen von Arbeitern, die ganz aufgeregt um die Emirates Boeing tänzelten, die vollbesetzt aus Dubai (mit mir als einzige europaeisch aussende Passagierin) soeben gelandet war . Was genau hat nun also knapp 2 Stunden gedauert, um meine beiden Taschen über diese geschätzte Distanz von keinen 100 Metern zu transportieren ? – Willkommen im Schwellenland Bangladesch- und zudem muss ich bei der Einreise den Beamten auch noch versichern, dass ich wieder einmal auf Urlaub in ihrem schönen Land sei !

Eine endlose Fahrt durch die Stadt schliesst sich an und ich wundere mich, wie ich diese Zustände in den letzten 10 Monaten, seit ich zuletzt hier war, wirklich vergessen konnte. Was machen soviele Menschen um diese Zeit noch auf der Strasse? Die Statistik lehrt mich wenige Tage später, dass Dhaka 100-fach dichter besiedelt ist als die Oberpfalz und so wird mir wieder einmal klar, dass der Verkehr in einer Stadt mit sovielen Einwohnern (und dies sind nur die registrierten) garnicht funktionieren kann.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben und obwohl die Geburtenrate innheralb der letzten 20 Jahre DRAMATISCH gesunken ist, kommen immer mehr Menschen in die Metropolregion Dhaka, um dort ihr Glück zu versuchen! Nur zum Vergleich: in Bayern leben ca 12,5 Mio Einwohner auf ca 70.000 Quadratkilometer. In Banlgadesch leben 161 Mio Einwohner auf der doppelten Fläche die zudem mehrfach im Jahr zu grossen Teilen völlig überschwemmt wird.

Hat also Gott hier nicht doch was vergessen? Wie stellt er sich das vor? Wie soll die Mutter im 8ten Monat schwanger das Kind gebären, wenn sie selber keine 40 kg auf die Waage bringt?

Klar wird mir mal wieder eine Sache ganz bewusst vor Augen geführt. Wohlstand ist nicht alleine der Schlüssel zum Glück! Es ist vielmehr das Delta zwischen den Erwartungen und der Realität. Diese Menschen hadern nicht damit, dass sie mit knapp 80 keine Weltreise mehr antreten können und auch nicht damit, dass die Supermärkte zu wenig vegane Lebensmittel anbieten und die Tierhaltung der Schweine, deren Fleisch wir zu unter 4 Euro pro kg kaufen, nicht den europaeischen Standards entspricht. Diese Menschen hier hadern damit, wie sie sich und die Ihren ernähren. Sie wissen sicherlich, dass sie ganz unten stehen an der Bedürfnispyramide doch wissen wir, die wir uns im oberen Drittel befinden, wo wir wirklich stehen?

Nein es geht mir nicht darum, in meinen Berichten die Moralpredigerin zu geben doch nach den ersten Erfahrungen dieser Reise kann ich bestätigen, dass Gott diese Welt hier wirklich nicht vergessen hat. Täglich begegnen mir freudige, ausgeglichene, strahlende und vor allem neugierige Menschen, die vielleicht nicht alle 60 werden aber (und so scheint es aus meiner Betrachtung heraus) mit sich und ihrer Situation mehr im Reinen sind als wir !

Dhaka_15_01

Vor einigen Wochen wurde mir dieses Bild zugesendet unter einer Reihe von weiteren Fotos aus den Slums. Die Menschen hier fanden es sehr nett, freundlich und niedlich doch ich selber war entsetzt. Was genau sagt das aus? Wie hygienisch ist das? Wie gefaehrlich für den kleinen Knirps? Wird er davon nicht bleibende Schäden davontragen? Auch mental? Eines ist sicher, er ist clever genug, eine Möglichkeit gefunden zu haben, zu überleben und wenn er das auf diese Weise in diesem Alter schon herausgefunden hat, dann hat er gute Chancen in diesem Land der Millionen von mangelernährten Kindern.

Wie immer weiss ich, dass meine Reisen hierher nur in einem beschränkten Masse wirklich etwas verbessert doch ich versuche zu mehr Bewusstsein und Respekt beizutragen in unserem schönen, komfortablen, und bequemen Land, das wir aus reinem Zufall ` zu Hause` nennen dürfen.

Aus Dhaka mit den besten Grüßen im Januar 2015

Ritu ( Dagmar )

Neues aus Dhaka – 2014!

Gedenken an die im Kampf Gefallenen – mal ganz anders

Hallo Ihr Lieben und heute nochmals die besten Grüße nach Hause!

Am 21.Februar begehen die Bengalen den Feiertag für die Nationalsprache Bengalisch und gedenken den Opfern, die während der Auseinandersetzungen im Jahr 1952 ums  Leben kamen. An diesem Tag demonstrierten Studenten gegen den Willen der zentralpakistanischen Regierung Urdu als Landessprache übergreifend einzuführen. Die Bevölkerung Bangladeshs sieht im errungenen Sieg Bengalisch als Nationalsprache zu sprechen, einen wichtigen Grundstein für die letztendlich im Jahr 1972 erlangte Unabhängigkeit und die Gründung eines freien Staates Bangladesh.

Heute in der Früh stellten die Schüler diesen Protestmarsch der Studenten von 1952 nach und zogen mit Bannern und Transparenten durch „unsere“ Straße. Das Ganze begann schon recht zeitig und so konnte ich mich erfolgreich davor drücken, indem ich versprach, bei den sich daran anschließenden Feierlichkeiten dabei zu sein. Jetzt im Nachhinein betrachtet fühlte ich mich einfach nicht gut dabei, mit den Kindern solch einer brutalen Auseinandersetzung auf dieser Art und Weise zu gedenken.

Gegen 09:30 Uhr also stoppte die Prozession vor dem Eingang zur Schule und ich wurde eiligst herbeigerufen. Auf dem engen Platz vor dem Eisentor zum Gebäude drängten sich einige Hundert Kinder und Jugendliche alle mit einer Art Papierkrone auf dem Kopf / vor der Stirn, die mit einem Gummiband um den Kopf festgebunden war und das Nationaldenkmal für die Gefallenen während des Studentenaufstandes am 21.02.1952 zeigte. Viele Kinder waren in ihren Schuluniformen erschienen aber einige auch in auffällig bunten Kleidern wie aus „Tausend und einer Nacht“. Zu meinem Erstaunen traf ich auf vier ältere Herren. Allesamt mit Bart und traditionell im muslimischen Gebetsgewand gekleidet und einen aus Styropor und Blumenköpfen zusammengesteckten Blumenschild tragend. Eh ich mich versah, war ich eben mit diesen vier Honoritäten des Stadtviertels beauftragt, den „Blumenkranz“ zu ergreifen und die Prozession anführend, ins Schulgebäude zu tragen. Der Schuldirektor stimmte ein trauriges Lied an, das wir am heutigen Tag noch häufiger zu Gehör bekommen sollten, und so setzte sich der ganze Zug langsam und mit Bedacht in Bewegung.  Drinnen angekommen entledigten wir uns schnell unseren Schuhen, bevor wir den in üppigen Farben auf dem Fußboden bemalten Bereich erreichten, der zum nachgebauten Denkmal führte. Diesen Nachbau des Denkmals aus bemaltem Eisen der dort ca. 2 Meter groß in der Ecke steht, kenne ich schon seit meinem ersten Besuch in Dhaka doch erst heute konnte ich seine wirkliche Bedeutung und vor allem auch Verwendung erleben.

Bedächtig wurde nun also das Blumenschild dort niedergelegt und es war wichtig, daß alle Beteiligten, dies gemeinsam machten. Ich schaute mich um und es kam mir vor, dort zwischen den alten Herren, dem Schulleiter, den Lehrern und dem Schuldirektor, als würde jede meiner Handbewegungen genauestens beobachtet werden. Das traurige Lied wurde von der Musikgruppe ( eine Handvoll Kinder und ein schrecklich quietschendes Harmonium ) aufgenommen und alle stimmten mit ein. Darauf folgte eine Schweigeminute und mir schnürte es die Kehle zu, als mir klar wurde, dass keiner außer mir selber mich hier als  Außenseiter, als Fremde sieht. Ganz im Gegenteil ! Da steh ich nun also, mitten unter tiefgläubigen Moslems, barfuß und völlig verunsichert. Nun – ein Gebet hat die Situation schließlich aufgelöst, denn auch hier mehr als 9000 km entfernt vom Hailfinger Kriegerdenkmal wird gebetet und so konnte ich zwar den Worten und Gesten der betenden Männergruppe um mich herum nicht folgen, doch ich konnte auf meine Art und Weise beten.

Danach wurde ich aufgefordert mich in die schier endlos scheinenden Reihe von Rednern einzuordnen, die egal ob Schüler oder Lehre, egal ob groß oder klein unisono ihr geliebtes, schönes Bangladesh hochleben ließen. Schon wieder also – wie eigentlich in jedem Jahr (mindestens ein-oder zweimal) stehe ich da und versuche ein paar einfache Sätze zu formulieren, die zum Einen von den älteren Schülern verstanden werden und zum Andern für die jüngeren ganz einfach zu übersetzen sind. Artig bedankte ich mich zunächst, daß ich heute an dieser Zeremonie teilnehmen durfte und fügte dann aber auch unmissverständlich an, dass ich als Deutsche mit dem Gedenken an die Gefallenen der großen Kriege sehr wohl vertraut bin und meine Nation immense Verluste zu erleiden hatte. Doch was lernen wir heute daraus? Ich leitete über in die Chance, die solche Erfahrungen, wie die heutige in sich birgt. Wenn wir zusammen gedenken, zusammen betrauern aber auch zusammen Freude haben, gemeinsam voneinander lernen und uns respektieren, dann haben wir die besten Voraussetzungen die Welt zu verbessern. Als ich das so gesagt hatte, kam es mir doch ein wenig kitschig vor doch ich denke, daß es so am besten verständlich war. Große Worte – doch jede kleine Geste – egal ob hier oder zuhause in unserer „Übermorgenwelt“ hilft die Brücke zum Ungewohnten, Befremdlichen vielleicht sogar Vorverurteilten neu zu bauen.

Ich beendete meine wenigen Sätze mit dem Versprechen auch im kommenden Jahr wieder hierher nach Dhaka zu kommen und dabei versagte mir die Stimme, denn ich haderte in den letzten Wochen schon sehr damit, ob dies nun wirklich mein jährlicher „Ausflug“ sein soll und dies auch noch auf unabsehbare Zeit. Heute habe ich mir diese Frage selbst beantwortet und so einen weiteren, großen, schweren Stein in meine ganz persönliche Brücke eingefügt.

Inschallah !  So Gott will! … oder Allah ! …oder Brahma! …oder Buddha! …oder …oder !

Euch allen, die ihr mich auf ganz unterschiedliche Art und Weise dabei unterstützt, sende ich die besten Grüße und ein herzliches „Dhonobath“ was soviel wie DANKE heisst !

Eure Ritu

Dhaka im Februar 2014

Alternativlos

Hallo Ihr Lieben

heute nun also mein dritter und für diese Reise auch letzter Versuch, meine Eindrücke und Erfahrungen auf diese Art und Weise mit Euch zu teilen.

Die diesjährige Reise hatte eine gute Mischung aus Neuem, Gewohntem, Verbessertem und auch wieder viel Emotionalem. Zusammenfassend hat sich für mich die Beschreibung „alternativlos“ für all meine Erlebnisse am weitesten in den Vordergrund gedrängt.

Viele der Menschen, die ich hier treffe, egal ob groß oder klein, gehören zur Schicht der Unterprivilegierten und leben in Armut. Die Bezeichnung „arm“ zu sein ist ein weit dehnbarer Begriff und so habe ich mich heute auf die Suche gemacht, in unserer näheren Umgebung die Antwort auf „was ist wirkliche Armut? “ zu finden. Gehe ich aus der Türe so ist alles was ich sehe und jeder der mir entgegenkommt  „arm“. Hier fehlt es an allem angefangen am solide Dach über dem Kopf und ausreichend nahrhaftes Essen für alle  – aber damit rechnet man ja schließlich in einem Land wie Bangladesh. Ich versuche also trockenen Fußes durch den Matsch zu kommen und schaue mich um.

Jedes Augenpaar in das ich schaue strahlt mich neugierig an. Schüler kommen auf der Straße auf mich zu und begrüßen mich, eine mir völlig fremde Frau gibt mir die Hand und redet auf mich ein, bis ihre Tochter mir erklärt, daß sie sich bei mir für meinen Unterricht bedankt und für die Tatsache, daß ich schon seit einigen Jahren hierherkomme. Alle lachen, einige winken und alle, alle sind super neugierig! Bevor ich das Haus verließ hatte ich einen der mitgebrachten Bettüberzüge an mich genommen, mit der Idee, diesen an einen armen Menschen zu verschenken – mir wird klar, daß diese Idee schlichtweg absurd ist, denn wie soll ich diese Person auswählen ?

Nun aber mal ganz objektiv betrachtet. Die Sonne scheint, die Menschen gehen geschäftig ihren Aufgaben nach, überall wird gehämmert, gebacken, geschweißt, es werden Möbel hergestellt, Essen verkauft, Stoffe in allen Farben angeboten, Früchte ordentlich gestapelt und immer wieder gefegt und die staubige Erde mit Wasser besprengt. Es werden Haare geschnitten, Bärte gestutzt, Plastikgefäße verkauft, Schuhe repariert und in den Geschäften in denen es wie auf einer Müllhalde aussieht, werden technische Geräte egal welcher Art repariert – Hauptsache sie haben einen Stecker!

Männer sitzen in den kleinen Teestuben beieinander, Ziegen und Hunde bevölkern zusammen mit wenigen Kühen und Katzen die Straßen und Kinder passen auf noch kleinere Kinder auf. Keine traurigen Menschen – also auch keine Armen?

Mir wurde mal wieder klar, daß es der Mangel an Alternativen ist, der unter vielen anderen Aspekten die Armut charakterisiert. So gut wie völlig „alternativlos“ ist das Leben der Slumbewohner – zumindest von meiner Perspektive aus betrachtet. Den Begriff will ich im Wortsinn verwenden und weniger auf die Art und Weise auf die er in den vergangenen Jahren in der Politik Einzug hielt.

Für die Kinder gibt es nur eine sehr eingeschränkte Auswahl an Alternativen. Sie haben nicht die Qual der Wahl, welches Musikinstrument sie erlernen sollen, welche Sportart sie ausüben könnten, was sie sich zum Essen wünschten und welches Kleidungsstück sie heute tragen wollen. Für alle diese Themen und für unzählige mehr, gibt es schlichtweg keine Wahlmöglichkeit und eben keine Alternative.

Im Weihnachtsgeschäft 2013 wurden 1,4 Mrd Euro in Deutschland für Gutscheine ausgegeben, welche immer häufiger als “ Geldersatz“ verschenkt werden. Oft liegt hier die Begründung darin, dass wir schlichtweg garnichtmehr wissen, was wir einem Freund / Verwandten schenken sollen und immer mehr und mehr trifft dies nun auch schon auf Kinder zu. Unser Leben scheint übersättigt, die Alternativen zu mannigfaltig und viele, viele davon schon ausprobiert und wieder verworfen.

So zog ich also durch die Straßen mit meinem Bettbezug unter dem Arm und konnte den Mangel an Alternativen für diese Menschen an jeder Ecke sehen. Je offener ich die Menschen anlächelte, desto mehr freuten sie sich und grüßten auf Bengalisch oder riefen mir englische Wortfetzen nach. Nur wenige Alternativen zu haben heißt also scheinbar nicht per se verärgert, wütend, enttäuscht, missmutig, nachtragend oder traurig zu sein – ganz im Gegenteil.

Letztendlich traf ich auf einen Mann, der aussah als wäre er weit über 100 Jahre alt und so dünn, dass er jede Minute auseinanderzubrechen schien. Sicherlich war er höchstens Mitte 60 aber er konnte mich offensichtlich nicht sehen. Ich sprach ihn an, berührte ihn an der Schulter und führte seine Hand auf den Bettbezug, den ich ihm überließ. Ob er ihn behalten wird? Ob die umstehenden Personen, die dies natürlich beobachteten, ihm dieses Geschenk nicht wieder wegnehmen werden? Nun – ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Für mich war er der Ärmste von allen, obwohl er sich sicherlich glücklich schätzen kann, überhaupt so alt geworden zu sein in einer Umgebung die für die Allermeisten so gut wie keine Alternativen bietet.

Einzig und allein bleibt der Vorteil, dass sich die Slumbewohner wohl ganz offensichtlich besser in ihr Schicksal fügen, wie wir es von uns selber kennen. Zumindest berichten mir dies die Personen, mit denen ich mich auf Englisch unterhalten kann. Alles Zukünftige scheint auch in gewisser Weise vom Willen Gottes abhängig, was jedoch nicht heißen soll, dass die Menschen hier nicht ihr Bestes versuchen- doch wenn Allah etwas anderes vorgesehen hat, so wird dies nach meinen Erfahrungen mit weniger Hadern erduldet. Wäre dies nicht auch für uns von Zeit zu Zeit die bessere Alternative?

In diesem Sinne : Insha`Allah!

Herzlichst Eure Ritu

Dhaka im Februar 2014

 

Vorbereitung …

… auf meine kommende Reise …
Ich liebe die Vorweihnachtszeit !
Die Strassen sind geschmückt – die Fenster der Kaufhäuser besonders festlich dekoriert und die Wochenenden vollgestopft mit Weihnachtsfeiern, Einladungen bei Freunden, Weihnachtsmarktbesuchen und unsagbar leckerem Essen mit abertausenden von Kalorien.
Und dann gibt es da noch die Gedanken an die Zeit unmittelbar NACH Weihachten.
Seit einigen Jahre nun checke  ich jeweils am 27 oder 28ten Dezember auf meinen Flug nach Dhaka, Bangladesh ein und lasse somit dies wunderbare Welt voll Weihnachtszauber hinter mir, um in einer “ anderen Welt“ mich der Realität zu stellen. Jedes Jahr von Neuem bin ich fasziniert, wie einfach ich zwischen den Welten pendeln kann – vorausgesetzt ich schaffe es ( wie eigentlich jedes Jahr ) letztendlich meinen inneren Schweinehund zu überwinden.
Raus aus der Komfortzone, weg aus der Nische, in der ich es mir doch tagtäglich so bequem mache, im Überfluss lebend und dies auch keinesfall bereue. Hin zum wahren, zum ungeschminkten Gesicht menschlichen Leides am Rande des Existenzminimums.
Das “ Hinkommen “ ist sehr einfach, denn der Flug ist online mit nur wenigen Klicks bestellt, Platzreservierung inklusive. Das “ Ankommen“ ist bitter und jedes Jahr versuche ich für mich selber eine valide Ausrede zu finden, wie ich diesem, immer wieder neuem Schock, entgehen könnte – und jedes Jahr stelle ich mich der Herausforderung schliesslich doch.
Zugegebenermaßen ist es keine große Überwindung – solange ich dort bin – doch im Nachhinein – wieder zuhause und zurück in der Komfortzone – kommen mir oft Situationen vor das innere Auge, die aus der Distanz betrachtet absurd, unfair und fast schon nicht zu ertragen sind ! … ich frage WARUM ! Warum kann es sein, dass ein- und dieselbe Spezie auf ein- und demselben Planeten so sehr bevorteilt oder andersherum so unsäglich benachteiligt wird ? WER entscheidet hierüber und WELCHEN Sinn macht das ?
Viele Jahre schon stelle ich mir dieselbe Frage und will nicht damit aufhören obwohl die Ratio sich einer lauten Stimme in meinen Gedanken bedient und mich ermahnt, dieses sinnlose Fragen einzustellen. Viele Jahre schon negiere ich diese Vernunft und stelle weiterhin fest, dass diese Fragen mich wirklich motivieren ein wenig – und wenn es auch nur ein ganz klein wenig ist – Abhilfe zu schaffen und damit diesem maßlosen Ungleichgewicht für einen winzigen Augenblick die Show zu stehlen. Ja, es macht einen Unterschied ! Zwar einen unerheblich kleinen – doch in den Augen der Menschen, die ich treffe ist der Ausdruck purer Freude zu lesen – also ist es DOCH ein Unterschied.
Und so mache ich nun also beides – einerseits nehme ich dankbar am Weihnachtszauber teil und andererseits bereite ich mich still und leise vor auf das, was mich danach erwartet – und freue mich auf BEIDES !

Neues aus Dhaka !

Eine kurze Email an alle Freund/Familie/Bekannte von meiner Reise nach Dhaka im Maerz 2013.

Hallo nach Deutschland !
Mit den besten Gruessen aus Dhaka, sende ich Euch allen diese Mail ! Heute ist mein letzter Tag der 2013er Reise angebrochen und ich bin auf dem Weg, die mitgebrachten Geschenke zu verteilen.
Aus den vielen, vielen Stiften, Papieren, Malblaettern etc. sind in den letzten Tagen 250 einzelne Geschenke zusammengebunden worden und diese werde ich nun an die Klassen 7,8,9, und 10 austeilen.
Doch zuvor diese Zeilen an Euch verbunden mit dem besten Dank an alle, die mich in diesem Projekt unterstuetzen und auch an die, die mir dabei gutes Gelingen wuenschen und mir somit zur Seite stehen. Das Schulprojekt, das ich nunmehr seit 5 Jahren in Dhaka begleite waechst und waechst. Auch in diesem Jahr haben ueber 400 Schueler darum gebeten, aufgenommen zu werden, doch nur 150 konnten akzeptiert werden. Gesamt werden in 2-3 Schichten nun ueber 2000 Schueler unterrichtet und vor allem mit einem warmen Essen ( jeden Tag Reis und Linsen mit etwas Gemuese in Ausnahmefaellen Haehnchen) versorgt. In einer der vierten Klassen, die ich in den vergangenen Tagen unterrichtete,sitzen 54 Schueler in einem Raum, der keine 30 Quadratmeter gross ist.. faellt der Strom und somit der Ventilator aus, dann tropft uns der Schweiss auf die Schulhefte !!!
Trotz ( fuer unsere Verhaeltnisse ) widrigste Umstaende, schaffen wir es in diesem Projekt auch in 2013, die zehnte Klasse zur staatlichen Abschlusspruefung anzumelden. Von der einstmals ca 150 Schueler umfassenden Jahrgansstufe sind heuer 21 uebrig geblieben – alle anderen mussten die Schule bereits frueher verlassen, um arbeiten zu gehe, verheirtatet zu werden etc. Diese 21 machen uns jedoch besonder viel Freude – nicht zuletzt mir – da ich fast alle davon seit 5 Jahren kenne …Ihr Englisch ( und das ist das einzige was ich pruefen kann ) ist wirklich gut und da sie mich nun gut kennen, ist die anfaenglich grosse Scheu Englisch zu sprechen sehr schnell verflogen. Einige werden es auf die Universitaet schaffen – soviel ist sicher !
Doch darum geht es nicht in erster Linie – viel wichtiger ist, dass die Kinder lesen und schreiben ( Bangla ) lernen und sich in den Grundrechenarten auskennen. Das ist ein Privileg und erhoeht den Lebensstandard immens. Natuerlich schmueckt sich die Schule mit der Handvoll von Schuelern, die letztendlich aus dem Slum heraus ins College und zur Uni gehen werden.
Auch in diesem Jahr war ich zwischendurch am Verzweifeln – naemlich immer dann, wenn ich irgendetwas ausgeteilt habe ( Uebungsblaetter /Stifte ). In solchen Momenten verwandelt sich die Klasse wirklich in einer „reissende Meute“. Es sitzt so tief in den Kinder, dass sie sich wehren muessen, um nicht uebersehen zu werden, dass es Tage braucht, bis verstanden wird, dass JEDER / JEDE etwas abbekommt.
Aber das sind die Gesetze des Slums und manchmal errinnert mich das an einige Bilder aus der „Tierwelt“. Da bin ich dann mit den wenigen bengalischen Woertern machtlos und es dauert eine Weile, bis die Situation wieder im Griff ist – doch in solchen Momenten denke ich an die Vielzahl von Kindern – DIREKT VOR UNSEREM FENSTER – die ueberhaupt garnie zur Schule gehen werden … sondern in den Slumhuetten mit einem notduerftigen Stock Cricket spielen, oder aus Dreck kleine Kuegelchen formen oder auch einfach garnichts tun !
Das medizinische Projekt ist natuerlich ebenfalls – sogar noch erweitert – am Laufen. Viele Patienten und auch Kinder sind sehr schlecht ernaehrt und erhalten Lebensmittelpakete. Aktuell haben wir auf der „Kinderstation“ein Baby mit 3 Monaten und noch unter 3 kg! Einige Kinder sind verbrannt vom Spielen an den offenen Feuerstellen aber insgesamt ist das Krankheitsbild eher von Erschoepfung ( z.B. bei Frauen, die Steine klopfen ) oder Atembeschwerden ( aufgrund der schlechten Luft ) etc gepraegt …es gibt keine grossen „Epedemien“ aber genuegend Leid in vielen der Slumhuetten. Ich selber bin sehr dankbar, dass ich hierherkommen kann – es ist so einfach – wir kaufen uns ein Flugticket und sind nach einigen Stunden da. Ein „Pendeln“ zwischen den Welten ist sehr berreichernd … vor allem, da ich hier kein Tourist bin – sondern als „Aushilfslehrerin“ in all die Klassen gehe, die normalerweise keinen Lehrer haben und nur die Zeit bis zum Essen absitzen. Ich bin voll integriert und scherze immer, dass ich nur kurz 50 Wochen nach Deutschland in Urlaub fahre, damit ich dann die verbleibenden 2 Wochen im Jahr hier meinem Job nachkommen kann.
Dankenswerterweise konnte ich in diesem Jahr eine zusaetzliche Spende eines sehr guten Freundes und frueheren Kollegen mit hierherbringen. Hieraus werden wir zusaetzliche Lehrer finanzieren, die hier bereits arbeiten. Da das gesamte Projekt komplett aus Spenden von den Aertzten fuer die Dritte Welt lebt, ist der Fokus eher auf die medizinische Unterstuetzung gelegt.
Die Schule lebt teilweise aus Privatspenden und benoetigt pro Schueler Eur 5,50 pro MONAT ( Gebaeude, Lehrer,Essen) So- nun werde ich von den Schuelern erwartet. Nur noch eines: oft frage ich mich, ob das alles wirklich SINN macht … was immer wir tun, es ist nichts als ein Tropfen auf den heissen Stein …DOCH .. wenn ich dann das frenetische Kreischen der Kinder hoere, sobald sie mich sehen ( einfach nur weil sie wissen, dass jetzt etwas Neues/Anderes/Interessantes passiert) dann finde ich genau in deren Augen die Bestaetigung !

Seid auf das herzlichste in die „ERSTE WELT“ gegruesst

Ritu ( Dagmar )

P.S. Freue mich sehr, nach Hause fahren zu duerfen – in „mein“Leben .. zu Euch allen und zu meinem JOB !!