Dhaka 2015 …

…und Gott vergisst diese Welt nicht!

Weihnachten 2014 . Die Szenerie im Dom zu Rottenburg am Neckar ist mir wohlbekannt. Der Bischof hält einen Jugendgottesdienst und unterstreicht mit der Darstellung, dass das Gotteskind bei den Ärmsten der Armen geboren wurde, dass Gott diese Welt nicht vergessen wird.

Ehrlich – in mir kommen Zweifel auf!

Hier im sicheren, warmen, geborgenen und bequemen Umfeld mag ich gerne daran glauben, dass früher oder später für alle gesorgt sein wird doch leider weiss ich nur zu genau, wo mich mein Weg in ein paar wenigen Tagen hinfuehren wird.

01.01.2015 – Landung in Dhaka – absolutes Chaos bei der Gepaeckausgabe und stetig wird mein Zweifel stärker, warum ich wirklich schon zum 7ten Mal mich hierher auf den Weg machte. Auf dem Rollfeld zählte ich sicherlich nicht mehr als 5 Maschinen doch Heerscharen von Arbeitern, die ganz aufgeregt um die Emirates Boeing tänzelten, die vollbesetzt aus Dubai (mit mir als einzige europaeisch aussende Passagierin) soeben gelandet war . Was genau hat nun also knapp 2 Stunden gedauert, um meine beiden Taschen über diese geschätzte Distanz von keinen 100 Metern zu transportieren ? – Willkommen im Schwellenland Bangladesch- und zudem muss ich bei der Einreise den Beamten auch noch versichern, dass ich wieder einmal auf Urlaub in ihrem schönen Land sei !

Eine endlose Fahrt durch die Stadt schliesst sich an und ich wundere mich, wie ich diese Zustände in den letzten 10 Monaten, seit ich zuletzt hier war, wirklich vergessen konnte. Was machen soviele Menschen um diese Zeit noch auf der Strasse? Die Statistik lehrt mich wenige Tage später, dass Dhaka 100-fach dichter besiedelt ist als die Oberpfalz und so wird mir wieder einmal klar, dass der Verkehr in einer Stadt mit sovielen Einwohnern (und dies sind nur die registrierten) garnicht funktionieren kann.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben und obwohl die Geburtenrate innheralb der letzten 20 Jahre DRAMATISCH gesunken ist, kommen immer mehr Menschen in die Metropolregion Dhaka, um dort ihr Glück zu versuchen! Nur zum Vergleich: in Bayern leben ca 12,5 Mio Einwohner auf ca 70.000 Quadratkilometer. In Banlgadesch leben 161 Mio Einwohner auf der doppelten Fläche die zudem mehrfach im Jahr zu grossen Teilen völlig überschwemmt wird.

Hat also Gott hier nicht doch was vergessen? Wie stellt er sich das vor? Wie soll die Mutter im 8ten Monat schwanger das Kind gebären, wenn sie selber keine 40 kg auf die Waage bringt?

Klar wird mir mal wieder eine Sache ganz bewusst vor Augen geführt. Wohlstand ist nicht alleine der Schlüssel zum Glück! Es ist vielmehr das Delta zwischen den Erwartungen und der Realität. Diese Menschen hadern nicht damit, dass sie mit knapp 80 keine Weltreise mehr antreten können und auch nicht damit, dass die Supermärkte zu wenig vegane Lebensmittel anbieten und die Tierhaltung der Schweine, deren Fleisch wir zu unter 4 Euro pro kg kaufen, nicht den europaeischen Standards entspricht. Diese Menschen hier hadern damit, wie sie sich und die Ihren ernähren. Sie wissen sicherlich, dass sie ganz unten stehen an der Bedürfnispyramide doch wissen wir, die wir uns im oberen Drittel befinden, wo wir wirklich stehen?

Nein es geht mir nicht darum, in meinen Berichten die Moralpredigerin zu geben doch nach den ersten Erfahrungen dieser Reise kann ich bestätigen, dass Gott diese Welt hier wirklich nicht vergessen hat. Täglich begegnen mir freudige, ausgeglichene, strahlende und vor allem neugierige Menschen, die vielleicht nicht alle 60 werden aber (und so scheint es aus meiner Betrachtung heraus) mit sich und ihrer Situation mehr im Reinen sind als wir !

Dhaka_15_01

Vor einigen Wochen wurde mir dieses Bild zugesendet unter einer Reihe von weiteren Fotos aus den Slums. Die Menschen hier fanden es sehr nett, freundlich und niedlich doch ich selber war entsetzt. Was genau sagt das aus? Wie hygienisch ist das? Wie gefaehrlich für den kleinen Knirps? Wird er davon nicht bleibende Schäden davontragen? Auch mental? Eines ist sicher, er ist clever genug, eine Möglichkeit gefunden zu haben, zu überleben und wenn er das auf diese Weise in diesem Alter schon herausgefunden hat, dann hat er gute Chancen in diesem Land der Millionen von mangelernährten Kindern.

Wie immer weiss ich, dass meine Reisen hierher nur in einem beschränkten Masse wirklich etwas verbessert doch ich versuche zu mehr Bewusstsein und Respekt beizutragen in unserem schönen, komfortablen, und bequemen Land, das wir aus reinem Zufall ` zu Hause` nennen dürfen.

Aus Dhaka mit den besten Grüßen im Januar 2015

Ritu ( Dagmar )